Porträt

Laudamus veteres sed nostris utimur annis

"Der Vergangenheit gilt unser Lob, unser Leben aber der Gegenwart."

Ovid - Fasti 1.225

Das Kollegium St. Michael ist eine öffentliche Schule der Sekundarstufe 2, die auf die Studien an den universitären Hochschulen vorbereitet. Die Schule befindet sich auf dem Belzé-Hügel mitten in der Stadt Freiburg. Die französisch-, deutsch- und zweisprachigen Klassen werden von fast 1200 Schülerinnen und Schülern besucht. Ausserdem steht den Absolventen einer Berufs- oder Fachmaturität nach bestandener Aufnahmeprüfung ein einjähriger Passerelle-Lehrgang offen. Nicht zuletzt wegen der zahlreichen Persönlichkeiten, die hier zur Schule gingen, geniesst das Kollegium St. Michael ein hohes Renommee weit über den Kanton Freiburg hinaus.

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Erinnerungen eines ehemaligen Schülers

Peter Scholl-Latour (1924-2014), deutsch-französischer Journalist und Publizist, erinnert sich an seine Zeit am Kollegium St. Michael:

 

Wer aus diesem rigorosen Tagesablauf in unserem Internat folgern würde, wir hätten eine traurige Kindheit und Jugend verbracht, der irrt. Es sind in jenen Jahren dauerhafte Freundschaften entstanden, und es herrschte eine Form der Heiterkeit, die denjenigen, die im trauten Familienkreis aufgewachsen sind, fremd sein mag. Es gab gewiss Reibungen zwischen den Deutsch-Schweizern und den "Welschen", aber ich verspürte innerhalb dieses helvetischen Vielvölkerstaats - die Italiener aus dem Tessin, die Rätoromanen aus Graubünden kamen ja noch hinzu - einen Zusammenhalt, der uns bei der mühsamen europäischen Einigung als Vorbild dienen sollte (…)

Dass wir nicht ganz der Frömmelei und dem religiösen Wahn verfielen, verdanken wir der Verwurzelung unseres Unterrichts im klassischen Geschichtsbild der Antike. Wir lebten ständig in Bezug auf die Helden von Hellas und Rom. Unsere erste lateinische Lektüre richtete uns unter dem Titel "De viribus illustribus" auf jene römischen Tugenden aus, denen das Imperium seine Grösse verdankte. Später versetzte uns die "Aeneis" des Vergil in die Sagenwelt des trojanischen Untergangs. Im Griechischunterricht begannen wir zwar - der Einfachheit halber - mit der Übersetzung des Markusevangeliums, gingen aber sehr bald zur Lektüre der "Odyssee" über. Unsere Verbundenheit mit dem heidnischen Pantheon der Antike gipfelte in einer von der Schülerschaft mit grossem Aufwand inszenierten Aufführung des "Oedipus Rex" im Kantonaltheater.

 

Peter Scholl-Latour, Mein Leben, (Autobiografie, postum) C. Bertelsmann, München 2015

 

Geschichte des Kollegiums

Meistens wird als Gründer des Kollegiums St. Michael der Jesuitenpater Petrus Kanisius (1521 - 1597) bezeichnet. Die eigentliche Gründung des Kollegiums geht aber auf Papst Gregor XIII. zurück, der ein eifriger Förderer des Jesuitenordens war. Der hartnäckigen Initiative des Papstes und seines Nuntius in der Schweiz, Giovanni-Francesco Bonhomini, ferner den beiden Freiburger Geistlichen Sebastian Werro und Peter Schneuwly ist es zu verdanken, dass das Projekt einer Schulgründung im Zuge der Gegenreformation schliesslich realisiert wurde.

Ende August 1580 ging der strikte Befehl Gregors XIII. an den Jesuitenorden, trotz der finanziellen Unsicherheit und des (vorgeblichen) Personalmangels nach Freiburg in die Schweiz zu gehen. Am 23. September 1580 versuchte Hoffaeus, der Provinzial von Ingolstadt, den Nuntius und die Freiburger Regierung von ihrem Plan abzubringen. Nach längerem Hin und Her aber sandte er 1580 endlich Petrus Kanisius und Robert Andrew zu Verhandlungen nach Freiburg.
 
Am 11. Juli 1581 wurde der Gründungsvertrag unterzeichnet. Am 18. Oktober 1582 schliesslich eröffnete der aus Schlesien stammende Peter Michael (1549-1596) als erster Rektor die Schule in einem Haus an der Lausannegasse. Weil die Mittel an allen Ecken und Enden fehlen, konnte der erste Grundstein erst 1585 gelegt werden. Es begann ein langer Kampf um die Realisierung des Bauvorhabens.

Als Gregor XIII. das Kloster der Prämonstratenser in Humilimont (Marsens) aufhob, um dessen Besitz auf das Kollegium St. Michael zu übertragen, war die materielle Grundlage für die neue Schule geschaffen. Petrus Kanisius konnte so bis zu seinem Tode am 21. Dezember 1597 als treibende Kraft den Gründungsauftrag des Papstes und seines Ordens verwirklichen. Er hinterliess ein beachtliches literarisches Werk (darunter den Katechismus, den viele Katholiken aus der Schule kennen) und bleibt den Freiburgern als grosser Prediger und einflussreicher Kleriker in Erinnerung.

1596 konnten die ersten Schüler den Ostflügel beziehen. Zuerst waren es zweihundert, aber hundert Jahre später waren bereits sechshundert Schüler, die in den alten Sprachen, Grammatik und Rhetorik unterrichtet wurden. Die Naturwissenschaften hielten ihren Einzug ebenso wie das Theater, das in der Pädagogik der Jesuiten eine wichtige Rolle spielte. Im 17. Jahrhundert kam die Philosophie hinzu. Die Jesuiten versuchten den Fortschritt ihre Schüler durch religiöse Unterweisung und durch den Ansporn zu besonderen Leistungen zu stimulieren.  

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Das Kollegium - gestern und heute

Mit der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahr 1773 begann für das Kollegium St. Michael eine bewegte Zeit, und erst im ausgehenden 19. Jahrhundert fand es wieder geordnete und stabile Verhältnisse. Nach dem endgültigen Abzug der Jesuiten im Jahr 1847 wurde das Kollegium durch die an die Macht gekommene radikale Regierung in eine Kantonsschule umgewandelt. Weltgeistliche übernahmen die Führung der Schule und prägten den Unterricht bis in die 1970er Jahre. In der Folge wandelte sich das Kollegium zu einer öffentlichen Schule mit dem Bildungsangebot, das wir heute kennen. Das Internat wurde abgeschafft. 1976 wurden die ersten Mädchen an der Schule aufgenommen. Auch wenn sich einiges geändert hat - das Kollegium bleibt seinem Sinnspruch  treu "Laudamus veteres, sed nostris utimur annis", der die jungen Menschen einlädt, in ihrer Zeit zu leben, aber nicht ohne sich mit Respekt auf die Vergangenheit zu besinnen.

Ein einzigartiges architektonisches Ensemble

Das Kollegium St. Michael wurde nach Plänen von Jesuitenpater Giovanni de Rosis gebaut. Auch wenn der Gebäudekomplex nach dem Tod von Petrus Kanisius mehrfach architektonische Eingriffe erfuhr, hat er nichts von seiner Schönheit eingebüsst. Wer sich Zeit nimmt, um sich auf dem Platz vor der Kirche umzuschauen oder die Ruhe des Innenhofs aufzusuchen und die Harmonie der alten Gemäuer zu betrachten, wird die elegante, massvolle Architektur bewundern. 

Gänge

Auf den Gemälden der Jesuiten in den Gängen scheinen 400 Jahre Geschichte auf. Jesuiten, Päpste, Kirchenväter, Wohltäter und berühmte Schüler blicken auf den Betrachter herab.

 

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Totenkapelle

Im Erdgeschoss des Nordtrakts befindet sich das Zimmer, in dem Peturs Kanisius während seines letzten Lebensjahres gelebt hat. Bereits 1636 wurde dieser Raum in eine Kapelle umgebaut, die mit bemerkenswerten Holzarbeiten aus dem Atelier von Jean-François Reyff ausgestattet ist und den Besucher zu Beschaulichkeit und Besinnung einlädt. 

Ignatius-Kapelle

Die Ignatius-Kapelle befindet sich über der Sakristei. Vor der Konstruktion des Westflügels (1660) war sie den Jesuitenpatres, die sich zu Gebet und Andacht zurückziehen wollten, nur über eine schmale Wendeltreppe zugänglich. Ein Bilderzyklus erzählt die wichtigsten Episoden aus dem Leben des heiligen Ignatius, dem Gründer des Jesuitenordens, und lädt de Betrachter ein, sich in die Welt des Heiligen und seiner besonderen Beziehung zu Jesus zu versenken. 

Kollegiumskirche

Ein architektonisches Juwel ist die Kollegiumskirche, die von 1606 bis 1613 zuerst im spätgotischen Stil, dann im 18. Jahrhundert zu einem Rokoko-Bau umgestaltet wurde.  Die Fresken rund um den Erzengel Michael erzählen vom Kampf des Guten gegen das Böse und der heilbringenden Gnade Jesu.
Die Reliquien des heiligen Petrus Kanisius befinden sich im Totenschrein unter dem Hauptaltar.

Früheste Bauwerke

Als im 16. Jahrhundert die Freiburger realisierten, wie sehr es ihnen an Bildungsmöglichkeiten fehlte, kam ihnen Papst Gregor XIII. zu Hilfe.  In der Charta zur Gründung des Kollegiums St. Michael schreibt er:  "Unser väterliche Liebe zu den Schweizern gibt uns den Anstoss dazu, ihre Seelenheil und ihren katholischen Glauben zu bewahren; aus diesem Grund (...) bauen und errichten wir in der Stadt Freiburg ein Kollegium für einen Rektor und seine Mitbrüder, damit sie langfristig das Volk in der heilbringenden Lehre und der guten Sitte unterrichten und ihnen ein Beispiel für ein christliches Leben vorleben."
1580 werden zwei Jesuiten, Petrus Kanisius und Robert Andrew, nach Freiburg gerufen. Ein Jahr später erwirbt die Freiburger Regierung den Belzé-Hügel für die Kollegiumsgründung, die hier mit Hilfe der Jesuiten nach und nach umgesetzt wird. Am 18. Oktober 1582 beginnt der Unterricht in einem Haus an der Lausannegasse. 1596 können die ersten neuen Gebäude auf dem Hügel bezogen werden.

Von 1610 bis 1962

Im Jahr 1610 wird in der Kollegiumskirche die erste Messe gefeiert. Der Zustrom neuer Schüler führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Bau des Lyzeums (1829 bis 1838). Hundert Jahre später vergrössert man das Internat um den Flügel, der heute Cafeteria, das Lehrerzimmer und veschiedene Klassenzimmer beherbergt.
Zwischen 1960 und 1962 wird der Stadtmauer entlang ein modernes Beton- und Glasgebäude erstellt, das die Jugendlichen bald einmal mit "Aquarium" bezeichnen.

Letzte architektonische Veränderungen

Im Jahre 1972 können die Schüler den Sportkomplex beziehen, der abschüssig auf der Seite des Wallriss errichtet wurde und das letzte Gebäude darstellt, das auf dem Campus der Schule gebaut wurde. Allerdings - und das sei hier betont: Sportkomplex und "Aquarium" bleiben auf dem Belzé-Hügel Fremdkörper und fügen sich schlecht in die historische Architektur ein.
Seit 1978 wurden wichtige Renovationsarbeiten an den historischen Gebäuden vorgenommen.  
Das Lyzeum, das arg in Mitleidenschaft gezogen worden war, stand so ab 1991 wieder für den Unterricht zur Verfügung. Der Kollegiumshof wurde autofrei und Freizeit- und Sportaktivitäten zugeführt.

 
 
 

Die Anwesen des Kollegiums St. Michael

Als 1582 beschlossen wurde, das Kollegium zu gründen, traten finanzielle Schwierigkeiten auf. Obwohl das Land auf dem Belzé-Hügel zu günstigen Bedingungen zu erstehen war und die Freiburger Regierung sich bereit erklärte, das Kollegium zu finanzieren, fragte sich der Jesuitenorden, wie er in der Lage sein würde, für seine Ordensleute aufzukommen. Das Kollegium musste Besitz erwerben, welcher ein regelmässiges Einkommen garantierte. Weil Papst Gregor XIII. den unbeugsamen Willen hatte, dieses Kollegium zu bauen, wurde am 26. Februar 1582 die päpstliche Bulle (Urkunde) mit dem Titel „PATERNA CHARITAS ILLA“ erlassen. Darin wurde dem Kollegium St. Michael das Kloster «Notre-Dame d'Humilimont» in Marsens verschrieben, das Felder, Wälder, Weiden und Weinberge besass, die für das Auskommen der Jesuiten ausreichten.

Als die radikale Regierung 1847 den Jesuitenorden in Freiburg auflöste, ergriff sie Besitz von allen Gütern. Sie beschlagnahmte die Gebäude des Kollegiums, die Kirche und die Bibliothek, aber nicht die Archive, welche die Jesuiten teilweise nach Deutschland mitführten. Alle anderen Liegenschaften in der Umgebung wurden Eigentum des Staates und standen unter seiner Verwaltung. Gewisse Besitztümer behielt der Staat definitiv zurück, andere überliess er dem Kollegium St. Michael.

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Heute bleiben dem Kollegium folgende Besitztümer:

  • die Alp « Tissinevaz » und « Plan de Tissinevaz » in Charmey
  • der Bauernhof « En Pépin » in Sorens
  • der Bauernhof « Sur Tercier » und « Les Molettes » in Vaulruz (Bild)
  • ​der Bauernhof « Monteynan » und « Petit-Pesez » in Arconciel